Beers-Kriterien: Potenziell unangemessene Medikamente bei älteren Menschen

Beers-Kriterien: Potenziell unangemessene Medikamente bei älteren Menschen
Medikamente - Dezember 5 2025 von Tobias Grünewald

Was sind die Beers-Kriterien?

Die Beers-Kriterien sind eine praktische Liste von Medikamenten, die älteren Menschen oft mehr Schaden als Nutzen bringen. Sie wurden 1991 von Dr. Mark Beers entwickelt und seit 2011 vom American Geriatrics Society (AGS) regelmäßig aktualisiert. Die neueste Version stammt aus dem Jahr 2023 und enthält 131 konkrete Empfehlungen. Diese Kriterien helfen Ärzten, Apothekern und Pflegekräften, Medikamente zu erkennen, die bei Menschen ab 65 Jahren besonders riskant sein können.

Warum braucht man so eine Liste? Mit dem Alter verändert sich der Körper. Die Leber und Nieren arbeiten langsamer, das Fettgewebe nimmt zu, das Muskelgewebe ab. Das bedeutet: Medikamente werden anders aufgenommen, verteilt, abgebaut und ausgeschieden. Was bei einem 40-Jährigen sicher ist, kann bei einem 80-Jährigen zu Stürzen, Verwirrtheit oder sogar zu einem Krankenhausaufenthalt führen.

Welche Medikamente sind problematisch?

Die Beers-Kriterien teilen die unangemessenen Medikamente in fünf Gruppen ein. Die wichtigsten sind:

  • Medikamente, die fast immer vermieden werden sollten: Dazu gehören Benzodiazepine wie Diazepam oder Lorazepam, die stark sedierend wirken und das Sturzrisiko erhöhen. Auch Anticholinergika wie Diphenhydramin (in vielen Schlaf- und Erkältungsmitteln) gehören dazu - sie können Gedächtnisprobleme und Verwirrtheit verursachen.
  • Medikamente, die bei bestimmten Krankheiten gefährlich sind: Zum Beispiel Antipsychotika wie Haloperidol oder Risperidon bei Demenzpatienten. Diese Medikamente erhöhen das Risiko für Schlaganfälle und plötzlichen Tod - und das, obwohl sie oft nur wegen Unruhe oder Schlafstörungen verschrieben werden.
  • Medikamente, die bei Nierenproblemen riskant sind: Viele Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Naproxen belasten die Nieren stark. Bei eingeschränkter Nierenfunktion, die bei vielen älteren Menschen vorkommt, können sie zu akutem Nierenversagen führen.
  • Medikamente, die mit anderen Medikamenten gefährlich interagieren: Ein Beispiel ist die Kombination von Antikoagulanzien wie Warfarin mit bestimmten Antibiotika. Das kann zu schweren Blutungen führen.
  • Medikamente, die mit Vorsicht eingesetzt werden müssen: Dazu gehören einige Antidepressiva, Blutdruckmittel und Medikamente gegen Parkinson. Sie sind nicht grundsätzlich verboten, aber sie erfordern enge Überwachung.

Die 2023er-Version hat besonders strengere Warnungen für Antipsychotika und Benzodiazepine eingeführt. Auch Medikamente, die das Sturzrisiko erhöhen - wie bestimmte Blutdrucksenker oder Diuretika - sind nun deutlicher hervorgehoben.

Warum sind die Kriterien so wichtig?

Etwa 40 % der Menschen über 65 nehmen fünf oder mehr Medikamente täglich - das nennt man Polypharmazie. Bei jedem zweiten davon ist mindestens ein Medikament laut Beers-Kriterien unangemessen verschrieben. Diese Medikamente sind kein Zufall. Sie führen zu:

  • Erhöhtem Sturzrisiko - mit Brüchen, Kopfverletzungen und langwieriger Genesung
  • Verwirrtheit und Gedächtnisverlust - oft fälschlicherweise als „Alter“ oder „Demenz“ missverstanden
  • Häufigeren Krankenhausaufenthalten - Studien zeigen, dass bis zu 30 % der Aufnahmen bei älteren Menschen auf Medikationsfehler zurückzuführen sind
  • Höherer Sterblichkeit - insbesondere bei der Einnahme von Antipsychotika bei Demenz

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine 82-jährige Frau mit Arthritis nimmt Ibuprofen, einen Schlafmittel mit Diphenhydramin und ein Herzmedikament. Sie stürzt, bricht das Hüftgelenk und muss operiert werden. Die Ursache? Kein Unfall. Sondern die Kombination aus entwässernden und sedierenden Medikamenten. Die Beers-Kriterien hätten diese Kombination als Risiko markiert.

Eine robotische Apotheke zerstört riskante Pillen und bietet sichere Alternativen einem älteren Patienten an.

Wie werden die Kriterien in der Praxis angewendet?

Die AGS betont klar: Die Beers-Kriterien sind keine Starre Regeln. Sie sind ein Warnsignal, kein Verbot. Ein Arzt sollte sie nicht als Zwang nutzen, um Medikamente einfach abzusetzen. Es geht um gemeinsame Entscheidung - mit dem Patienten, der Familie und dem Pflegepersonal.

In der Praxis helfen sie bei:

  • Medikationsüberprüfungen: Apotheker und Ärzte nutzen die Liste, um bei Routinekontrollen zu prüfen, ob Medikamente noch nötig sind.
  • Elektronischen Gesundheitsakten: Viele Kliniken und Praxen haben die Kriterien in ihre Systeme integriert. Wenn ein Arzt ein riskantes Medikament verschreibt, erscheint eine Warnung.
  • Qualitätsmessungen: In den USA werden die Kriterien von Medicare verwendet, um die Qualität der Versorgung in Pflegeheimen zu bewerten. Das hat dazu geführt, dass viele Einrichtungen ihre Medikationspraxis überarbeitet haben.

Ein Erfolg: In einer Studie wurden 45,7 % der älteren Patienten in Pflegeeinrichtungen identifiziert, die mindestens ein unangemessenes Medikament nahmen. Nach einer gezielten Überprüfung und Anpassung sank die Zahl der Stürze um 28 % innerhalb von sechs Monaten.

Was ist mit anderen Tools wie STOPP/START?

Die Beers-Kriterien fokussieren sich nur auf Medikamente, die zu viel sind. Ein anderes System, STOPP/START, prüft auch, ob Medikamente zu wenig verschrieben werden. Zum Beispiel: Wird ein Patient mit Herzinsuffizienz nicht mit Betablockern behandelt? Oder bekommt jemand mit Osteoporose kein Knochenstärkungsmittel?

Beide Systeme ergänzen sich. Aber die Beers-Kriterien sind weltweit bekannter, einfacher zu nutzen und werden von mehr Gesundheitssystemen als Standard akzeptiert. In Deutschland werden sie zunehmend in Leitlinien für die geriatrische Versorgung aufgenommen - besonders in der Hausarzt- und Pflegeheimmedizin.

Ein Roboterarzt scannt einen älteren Patienten und zeigt gefährliche Medikamentenwechselwirkungen in der Luft an.

Was sollte man nicht tun?

Die größte Gefahr liegt darin, die Kriterien als absolute Regeln zu verstehen. Einige Patienten profitieren trotzdem von Medikamenten, die auf der Liste stehen - zum Beispiel wenn ein Antipsychotikum bei schwerer Demenz mit Aggressionen lebenswichtig ist und keine Alternative funktioniert.

Das ist der Punkt, an dem Erfahrung zählt. Wer die Kriterien versteht, weiß: Sie helfen, Fragen zu stellen - nicht, Antworten vorzugeben. Ein Arzt sollte immer fragen:

  • Warum wird dieses Medikament verschrieben?
  • Gibt es eine sicherere Alternative?
  • Wie lange wird es eingenommen - und warum?
  • Was passiert, wenn wir es absetzen?
  • Hat der Patient oder die Familie Einwände?

Die Kriterien sind kein Werkzeug, um Medikamente zu streichen. Sie sind ein Werkzeug, um zu verstehen, warum manche Medikamente bei älteren Menschen gefährlich sind - und wie man stattdessen sicherer behandeln kann.

Was kommt als Nächstes?

Die Zukunft liegt in der Individualisierung. Forscher arbeiten daran, die Beers-Kriterien mit genetischen Daten zu verknüpfen - zum Beispiel, ob jemand ein bestimmtes Enzym hat, das Medikamente langsamer abbaut. Auch künstliche Intelligenz könnte helfen, Risiken in Echtzeit zu erkennen, wenn Patienten mehrere Medikamente einnehmen.

Aber der wichtigste Fortschritt ist kulturell: Es geht nicht mehr darum, Medikamente zu reduzieren - sondern darum, sie richtig zu verwenden. Die Kriterien helfen, diese Verschiebung voranzutreiben. Sie erinnern uns daran, dass ältere Menschen keine kleinen Erwachsenen sind. Ihr Körper reagiert anders. Und ihre Medikamente müssen das berücksichtigen.

Wo kann man die Kriterien finden?

Die vollständige Liste ist kostenlos verfügbar auf GeriatricsCareOnline.org. Es gibt auch eine App für Smartphones und eine kleine Karte, die man in die weiße Kitteltasche stecken kann. Für Patienten und Angehörige gibt es eine vereinfachte Version auf healthinaging.org - in Englisch, aber leicht verständlich.

In Deutschland wird die Liste zunehmend in Fortbildungen für Ärzte und Apotheker verwendet. Wer sich für Medikamentensicherheit bei älteren Menschen interessiert, sollte sie kennen - egal ob er im Krankenhaus, in der Praxis oder im Pflegeheim arbeitet.

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Kommentare (9)

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    Inger Quiggle

    Dezember 5, 2025 AT 14:23
    Also ich hab neulich meinen Opa gesehen, der hat 17 Pillen am Tag geschluckt... und jetzt fragt er sich, warum er ständig schläft. Die Beers-Kriterien? Endlich mal jemand, der sagt: Nein, das ist nicht normal.

    Ich hab die Liste ausgedruckt und meinem Arzt unter die Nase gehalten. Der hat gesagt: 'Ach, das ist ja interessant.'

    Und dann hat er einfach ein Medikament rausgenommen. Und Opa ist wieder wach geworden. Ich bin begeistert.
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    Bjørn Lie

    Dezember 7, 2025 AT 08:27
    Ich arbeite in einem Pflegeheim und sehe jeden Tag, wie viele alte Leute nur noch Medikamente sind. Nicht Menschen. Nur Pillen. Die Beers-Kriterien sind kein Verbot, sondern ein Zeichen: Denk nochmal nach.

    Wir haben vor 6 Monaten angefangen, sie systematisch zu nutzen. Die Stürze sind um fast ein Drittel zurückgegangen. Kein Wunder – wenn jemand wegen Schlafstörungen Diphenhydramin kriegt, ist das wie Benzin aufs Feuer.

    Es geht nicht darum, alles abzusetzen. Es geht darum, nicht blind zu verschreiben.
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    Jonas Askvik Bjorheim

    Dezember 8, 2025 AT 05:57
    Ach ja, die Beers-Kriterien... wieder so ein amerikanisches Dogma. Ich hab mal ne Studie gelesen – die meisten dieser Medikamente sind in Europa seit Jahrzehnten sicher verwendet worden. Warum sollen wir uns von einer Liste aus den USA leiten lassen?

    Und dann noch diese 'warnung' in den E-Health-Systemen... das ist doch nur eine digitale Bevormundung. Wer will schon, dass sein Arzt von einem Algorithmus beeinflusst wird?

    Ich bin Arzt. Ich weiß, was ich tue. Nicht eine Liste von irgendwelchen Geriater-Bürokraten.
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    Petter Larsen Hellstrøm

    Dezember 9, 2025 AT 14:55
    Du bist Arzt? Dann verstehe ich deine Haltung. Aber du bist kein Arzt für ältere Menschen. Du bist ein Arzt, der Patienten mit Medikamenten überschüttet, weil du keine Zeit hast, sie zu verstehen.

    Die Beers-Kriterien sind kein Angriff auf deine Kompetenz. Sie sind ein Spiegel. Und du starrst lieber auf den Boden, als dich anzusehen.

    Ich hab meine Oma vor zwei Jahren verloren. Sie starb an einer Blutung – verursacht durch Warfarin + Antibiotikum. Die Warnung war da. Aber niemand hat sie gesehen. Weil du zu beschäftigt warst.

    Bitte. Hör auf, dich zu verteidigen. Hör auf, die Liste zu verhöhnen. Und fang an, deine Patienten zu schützen.
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    Liv ogier

    Dezember 10, 2025 AT 20:59
    OMG ich hab das gerade meinem Opa gezeigt und der hat geweint. 😭

    Er hat seit 10 Jahren Diazepam und sagt, er könnte nicht mehr schlafen ohne. Aber er stürzt jedes Mal, wenn er aufs Klo geht.

    Ich hab ihm gesagt: 'Opa, das ist kein Schlafmittel. Das ist ein Sturz-Trigger.'

    Er hat gesagt: 'Aber ich hab das doch seit 20 Jahren!'

    Ich hab ihm gesagt: 'Ja, und du hast auch 20 Jahre lang die falschen Schuhe getragen. Jetzt tragen wir andere.'

    Wir haben es abgesetzt. Er schläft jetzt 4 Stunden. Aber er steht auf. Und lacht. 😊
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    ine beckerman

    Dezember 11, 2025 AT 02:20
    Ach ja. Wieder eine Liste, die alle Probleme löst – wenn man sie einfach ignoriert.

    Die meisten Ärzte kennen die Kriterien. Die meisten ignorieren sie.

    Und die Patienten? Die sind froh, wenn sie endlich was gegen ihre Schlaflosigkeit kriegen.

    Wahrscheinlich ist das alles nur ein Marketing-Trick von Pharma-Alternativen. 'Kein Benzodiazepin? Dann nehmen Sie doch unser neues, teureres, nicht-wirkendes Kräuterpräparat!'

    Ich glaube nicht an Heilung. Ich glaube an Verkauf.
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    Ola J Hedin

    Dezember 12, 2025 AT 18:39
    Die Beers-Kriterien repräsentieren eine epistemologische Konstruktion, die auf empirischen Daten basiert, jedoch nicht die hermeneutische Tiefe der individuellen Krankheitsgeschichte berücksichtigt.

    Es handelt sich um eine reduktionistische Klassifikation, die den komplexen, dynamischen Prozess der Pharmakotherapie im Alter auf eine binäre Logik reduziert: erlaubt / verboten.

    Diese Logik ist nicht nur unzureichend – sie ist ethisch problematisch, da sie die Autonomie des Patienten unter dem Deckmantel der 'Sicherheit' untergräbt.

    Der wahre Fortschritt liegt nicht in Listen, sondern in der Wiederherstellung der medizinischen Urteilskraft.
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    Kari Garben

    Dezember 12, 2025 AT 23:39
    Ich hab das mit meinem Vater durchgemacht. Er hatte Angst, dass er abgesetzt wird. Dass er 'nicht mehr gebraucht wird'.

    Wir haben es gemeinsam mit dem Arzt besprochen. Nicht als 'du musst das absetzen'. Sondern als 'was brauchst du wirklich, um gut zu leben?'.

    Wir haben drei Medikamente rausgenommen. Er hat gesagt: 'Ich fühle mich jetzt wie ein Mensch.'

    Es ist nicht über Medikamente. Es ist über Würde.

    Und wenn du das nicht verstehst – dann hast du noch nie jemanden geliebt, der alt wird.
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    Cesilie Robertsen

    Dezember 14, 2025 AT 10:39
    Interessant, wie die Beers-Kriterien eine kollektive Erinnerung an die Medizin des 20. Jahrhunderts abrufen – die Ära der Standardisierung, der Protokolle, der einheitlichen Lösungen.

    Heute, im Zeitalter der Genomik und der kognitiven Anthropologie, ist die Frage nicht mehr: 'Was ist verboten?'

    Sondern: 'Wie versteht man den Körper des alten Menschen als einzigartiges, historisch gewachsenes System?'

    Die Kriterien sind ein Anfang. Aber sie sind kein Ende. Sie sind ein Sprachrohr – nicht ein Gesetz.

    Und vielleicht ist das der tiefere Sinn: Nicht zu kontrollieren, sondern zu hören.

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